Zwei auf eins

die kurze Geschichte meines Gesellenstücks

Von 1999 bis 2002 besuchte ich die Städtische Berufsfachschule für das Holzbildhauerhandwerk in München. Am Ende der Lehrzeit steht das Gesellenstück.

Erst die Idee dann das Holz, oder umgekehrt. Mein Vater hatte mir drei uralte Eichenbohlen nach München gebracht. Eine Bohle ist ein dickes Brett. Also erwarteten die Meister, ganz pragmatisch, drei Reliefs von mir. Die Bohlen bloß als Material benutzen, 500 Jahre alte Oberflächen einfach weghauen?

Am Tag der Präsentation der Entwürfe überraschte ich sie dann mit drei Streichhölzern bzw. mit meiner Idee von einer Skulptur, in der zwei Körper alias Eichenbohlen einen dritten unter sich halten. Mein Entwurf wurde abgelehnt. Bum.

Doch mit Hilfe der Lehrerinnen Barbara Quintus und Angela Koop legte ich mich noch einmal ins Zeug und hielt am Schluß ein Porträt als Gesellenstück in den Händen.

Modell meines ursprünglich geplanten Gesellenstück
Modell meines ursprünglich geplanten Gesellenstück

Frau Koop

Eine Bandzugfeder ist kein Füllfederhalter. Die Stärke der Linie hängt von der Führung des Federhalters ab. Frau Koop war unsere Kalligraphie-Lehrerin. Bei ihr lernten wir Plakat-große Blätter mit einem Text (in der oder der oder der Schriftart) zu füllen. Jeden Montag stellte sie im Skriptorium Kaffee und Kekse für uns bereit. Wir tauchten ein ins Zeilen-Meer und wir tauchten auf, wenn wir eine Päuschen brauchten.

Die Arbeit an ihrem Porträt läßt sich auch als gemeinsames Schweigen beschreiben. Ich mochte sie. Wir hatten einen Draht zueinander. Ich glaube, ich habe etwas von mir bei ihr gespürt und umgekehrt.

Wir waren ihre letzte Klasse. Danach lebte sie als Eremitin bei Regensburg.


Sex mit Michelangelo

Mit dem Gesellenbrief in der Tasche begann ich ein Kunst-Studium in Wien. Frage der Professorin: Sie san doch Bildhauerin, oder? Bildhauerin hin oder her – egal, denn ich war an nichts dran. Zwischen mir und z.B. einer Skulptur stand jetzt das Wort Kunst. Die Uni verstärkte das Problem noch. Das eigentliche Motto: Erst die Bedeutung, dann die Arbeit. Weshalb sich alles hohl anfühlte, aber weit und breit kein Loch in Sicht.

Flucht nach Helsinki und Wechsel (für ein Semester) in die Graphik-Klasse. Immer noch nichts. Bis mir B. seine Lithographien zeigte. Der hatte offensichtlich keine Grenzen im Kopf bzw. Kunst als Ausdrucksmöglichkeit.

Meine erste Arbeit war zugleich auch meine Diplom-Arbeit. Ich fotokopierte die Skulpturen Michelangelos oder besser die Ansichten seiner Skulpturen. Anschließend produzierte ich Ausschnitte, die ich wieder in Skulpturen verwandelte.

Ausstellung Diplomarbeit
Ausstellung Diplomarbeit
David aus der Serie Sex mit Michelangelo
David aus der Serie Sex mit Michelangelo

Ohne Titel

Ich hatte meine Diplomarbeit mit dem Wiener Aktionisten Rudolf Schwarzkogler aufgelockert. Aus der Fotografie der Skulptur ist später eine Collage enstanden.


Pieta-Zeichnungen

Existentielle Sorgen

Während meiner Lehre zur Holzbildhauerin in München machte ich Bekanntschaft mit der Pieta, mit ihrer schmerzvollen Darstellung, denn die freudvolle sollte ich erst viel später kennenlernen.

Ich hatte existentielle Sorgen und nahm mir vor, Zeichnungen zu verkaufen. Ich zeichnete einfach los, ohne Motiv. Das kam erst mit dem Stift in der Hand.

Da ich weder einen religiösen noch irgend einen anderen Anspruch an die Pieta hatte, bin ich ihr auf jedem Blatt immer wieder neu begegnet. Daß aus einer Pieta so viele würden, hätte ich selbst nicht gedacht.


Warum ist mir nicht die Lust vergangen?

Was war mein Motiv im Motiv?

Wenn du wieder nach Berlin willst, dann habe ich eine Wohnung für dich, sagte mein Bruder als er mich in Wien besuchte.

Back in town öffnete ich in der Amerika-Gedenk-Bibliothek ein Buch über die Anfänge des Pieta-Motivs. Beim Anblick des darin abgebildeten Freudvollen Vesperbildes fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte die symbolische Kraft der Schoßhaltung entdeckt, und zwar in dem Augenblick, in dem ich die Pieta nicht mehr mit der Pieta - mit dem Bild der um ihren toten Sohn trauernden Mutter - verknüpfte.

Eine lächelnde Maria lehnt nicht am Kreuz. So eine Pieta ist nicht Szene, sondern Sinnbild. Der Schmerz ist hier vorbei. Im Freudvollen Vesperbild steckt Vertrauen und Geborgenheit. Deshalb sitzt Christus alias Gott auf Marias Schoß, wurde er auf ihren Schoß gesetzt.

Gruppenbild mit kopierten ausgeschnittenen Vesperbildern, von denen eines heraussticht, weil es im Gegensatz zu den anderen nicht schmerzvoll erscheint.
Nicht jede Pieta ist ein Still

Für mich war die Pieta immer mehr als ...

Für mich war die Pieta immer mehr als die um ihren toten Sohn trauernde Mutter. Instinktiv hat mich eine andere Pieta oder besser ein anderes Motiv beschäftigt. Deshalb war die Entdeckung des Freudvollen Vesperbildes ein Schlüsselmoment für mich.

Die Vertrauensfrage ist hier geklärt. In meinen Zeichnungen dagegen ist Marias Schoß oftmals keine sichere Nummer mehr. Schoß ja oder Schoß nein, das ist hier die Frage. Mit meinem universellen bzw. existentiellen Zugang zur Pieta habe ich den Schoß als sozusagen friedlichen Ort in Frage gestellt.


Hoppe, hoppe, Reiter, wenn er fällt, dann schreit er

Als ich klein war, spielte meine Mutter Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er mit mir. Bei Fällt er in den Sumpf, macht der Reiter plumpf zog sie ihre Knie auseinander und ich fiel. Aber nur ein Stück, wußte ich!

Herr Christus hat auch keine Angst davor, fallen gelassen zu werden. Er sitzt vertrauensvoll auf Marias Schoß und sie freut sich darüber.

Hoppe-hoppe-ReCollage. Kinderreim vom Hoppe, hoppe Reiter neben einer Pieta, in der Chritus nicht auf Marias Schoß, sondern zwischen ihren Beinen liegt.
Die symbolische Kraft der Schoßhaltung ist hier futsch.

Keine Freiheit ohne Bindung

Läßt sich das symbolische Bild der Schoßhaltung auch auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft übertragen?

Keine Freiheit ohne Bindung wird meine erste große Skulptur. Der Stamm einer Brandenburger Douglasie wartet bereits auf mich bzw. ich auf ihn, da das Holz noch trocknen muß.


Ein Körper – zwei Richtungen. Einerseits hin zu anderseits weg von. Aber ich setze nicht zum Sprung an. Meine Flügel brauchen keine Wolken.

Keine Freiheit ohne Bindung ist eine Freiheitsstatue mit mir selbst, aber ohne Fahne oder Fackel in der Hand.

Muß ich meine Selbständigkeit gegen die Gesellschaft durchsetzen oder ist sie mit ihr verknüpft? Bin ich eine Dienstleistung? Wann fühle ich mich als Teilchen und wann als Teil einer, eines ...? Zukunft als tägliches Risiko? Platt vor Angst oder Vertrauen?

Ich möchte mich binden, aber nur, wenn ich mich auch binden kann!

KFOB 2014
KFOB 2014