Der Teufel steckt im Detail

Das World Press Photo of the Year 2011 wurde mit Michelangelos Pieta in der Peterskirche verglichen. Mich wunderte der Vergleich, denn die eine Frau ist verschleiert  und die andere, die Maria, nicht. Aber dann fiel mir auf, daß die Maria mit ihrem nach innen gekehrten Blick sozusagen auch einen Schleier trägt.

Würde sie klagen, Schmerz anstatt Ruhe ausstrahlen, dann wäre der Vergleich zwischen Foto und Skulptur wohl nicht zustande gekommen. Nur warum weint sie nach innen? Warum hat Michelangelo sie so dargestellt?

Ich stolperte über ein Detail, das ich bisher immer übersehen hatte, und zwar über Marias linke Hand oder besser über die Geste ihrer linken Hand. Was bedeutete die? Zu wem spricht sie da und was?

Maria umarmt Christus nicht, hält ihn nicht fest. Sie sieht ihn auch nicht an. Ihr Kopf ist Richtung Schoß geneigt, auf den Altar. Gucke, das Opfer ist vollbracht. Maria zeigt Gott ihren toten Sohn.

Innerhalb des Christentums hat das Opfer Christi einen Sinn. Das heißt aber nicht, daß Opfer generell einen Sinn haben. Deshalb ist der (auf dem religiösen Motiv der Pieta und nicht etwa auf ihren universellen Motiven beruhende) Vergleich zwischen Foto und Skulptur fragwürdig. Denn er holt den Opfertod ins Foto.

Michelangelo Gesamtausgabe, Phaidon Verlag, Köln MCMLXIV
Michelangelo Gesamtausgabe, Phaidon Verlag, Köln MCMLXIV